Geschichte des Religionsunterrichts

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Religionsdidaktik, Lehren und Lernen religiöser Inhalte hat nicht erst mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht und dem obligatorischen Religionsunterricht zur Zeit der Aufklärung begonnen. Bereits das Katechumenat zur Zeit der Kirchenväter, später dann die Kloster- und Domschulen, boten Unterricht in Religion. 


Jesus selbst hatte kein Erziehungsprogramm bereit. Im Zentrum der Verkündigung Jesu stand die Ankündigung der Gottesherrschaft. Das Auftreten Jesu stand im Dienst der Heilung und Rettung der Menschen. Jesus verkündete die Frohbotschaft vom Reich Gottes im Stile eines jüdischen Rabbi. Dabei verwendete er aussagestarke Bilder (z.B. vom Senfkorn). Sprechende Allegorien („Salz der Erde“) und treffende Vergleiche („wie eine Stadt auf dem Berge“). Jesus beherrschte das Erzählen in mancherlei Varianten (z.B. im Gleichnis vom barmherzigen Samariter); er vollzog symbolträchtige Handlungen und deutete sie. Ohne Wenn und Aber ließ er sich in Streitgespräche verwickeln – inhaltlich ging es ihm dabei um Heil in Frieden und Gerechtigkeit. Seine Lehrtätigkeit blieb durchaus der damaligen Rhetorik im Judentum verpflichtet. Für das religiöse Lernen bedeutsam war die Art und Weise wie Jesus den Menschen begegnete. Einfühlung, Zuspruch, Heilung und Ermutigung begleiteten seine Art des religiösen Unterweisens.


In den ersten Jahrhunderten des Christentums begegnen uns erstmals gezielte religiöse Lernprozesse in der schulähnlichen Institution des Katechumenates. Erwachsene Taufbewerberinnen und –bewerber wurden in Gruppen zusammengefasst, welche sich in einem bestimmten Zeitraum (vierzig Tage bis zu drei Jahren) mit dem christlichen Lebensstil in Theorie und Praxis auseinandersetzten. Solche Katechumenatsschulen gab es in Jerusalem, Caesarea, Antiochien, Mailand und Rom. Laien, Diakone, Presbyter und Bischöfe unterrichteten. 


Der 1. Clemensbrief verlangt, dass alle Kinder an der christlichen Erziehung teilnehmen, dass sie Demut lernen, Liebe zu Gott, Gottesfurcht; Wandel mit reinem Gewissen. Zuerst sind die Eltern zu dieser Erziehungsarbeit aufgerufen. Das Christentum sorgt in diesen Zeiten für die charakterliche, wissenschaftliche und berufliche Erziehung. Zwei didaktische Prinzipien sind uns vom frühchristlichen Katechumenat bekannt: zum einen ein gestuftes Vorgehen, welches ein schrittweises Erfahren des Glaubens und ein allmähliches Hineinwachsen in die entsprechende Gemeinschaft ermöglichte. 


Dazu zählen die Vorbereitung, der Besuch der Vorträge, die Übergabe von Symbolen und Gebeten, liturgische Feiern, als Höhepunkt die Feier der Taufe in der Osternacht mit anschließender Salbung und Teilnahme an der Eucharistie der Gemeinde, schließlich die Zeit nach Ostern, wo die empfangenen Sakramente in den Katechesen erläutert werden. Zur Zeit der Diaspora fanden intensive Gespräche und damit religiöses Lernen auch in Wohnungen und Häusern statt. Vor allem erzählte man die Geschichte des Heils von Adam über die Propheten zu Christus. 


In „De catechizandis rudibus, Nr. 8“ rät Augustinus: „Die Liebe nimmt gleichsam als Zielpunkt vor Augen, auf den du alles, was du sagst, ausrichtest. Und gestalte die ganze historische Darstellung so, dass deine Zuhörer vom Hören zum Glauben, vom Glauben zum Hoffen und von der Hoffnung zur Liebe gelangen.“ Das Mittelalter kennt eine ausgeprägte Didaktik des Schauens. Die „BIBLIA PAUPERUM“ (Bibel der Armen) bestand vorwiegend aus Bildern, bildlichen Darstellungen biblischer Geschichten; es gab Mysterien und Passionsspiele, welche den Gläubigen gleichsam Unterricht über Auge und Ohr vermittelten, da diese ja oft des Schreibens unkundig waren. in der Geschichte des religiösen Lernens spielte anschließend an das Mittelalter der Katechismus in seinen verschiedenen Varianten samt seiner damit verbundenen Didaktik eine wichtige Rolle. 


Rund 450 Jahre langvom Beginn des 16. Jahrhunderts bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) galt der Katechismus als unentbehrliches Lernbuch im RU. Teilweise hinterließ er unangenehme Erinnerungen: Seine Merksätze waren auswendig zu lernen. Im Prinzip wurde mit dem Katechismus die Dogmatik katechetisch verlängert. Seine Wirkung war die Stiftung von Einheit. Martin Luther mit seinen beiden Katechismen Calvins „Institutio christianae religionis“ (1535), die drei Katechismen von Petrus Canisius (1555, 1556, 1558) der Heidelberger Katechismus (1563) und der Catechismus Romanus (1566) ausgehend vom Konzil von Trient( 1545-1563) und nicht zuletzt die böhmischen Brüder mit ihren "Kinderfragen" und Antworten sicherten den Grundbestand christlicher Lehre ab. Das Lernen mit Katechismen ging so vor sich, dass die Lehrperson die Frage und die entsprechende Antwort vortrug, analysierte und erklärte, während die Schülerinnen und Schüler den Vortrag mit vollziehen sollten, um sich dann zu Hause die vorgegebenen Antworten einzuprägen. Zu Beginn der nächsten Lektion wurden die auswendig gelernten Antworten abgefragt und bei Nichtwissen. Strafmaßnahmen eingeleitet. Glauben bedeutete so Feststehen in den von Gott geoffenbarten Wahrheiten, wozu die Kenntnis dieser Wahrheiten Voraussetzung war. Hauptinhalte der katholischen wie evangelischen Katechismen waren Glaubensbekenntnis, Sakramente, Gebote, Gebete. Einfache Formulierungen in den unteren Klassen, differenziertere in der Mittelstufe und philologische Begründungen in den höchsten Klassen lösten einander ab.


Katechismen setzen im Grunde Glauben voraus, während heute Glaube und Religion selbst zur Frage geworden sind. Das reine Auswendiglernen religiöser Fragen ist somit für die religiöse Erziehung von Kindern ungeeignet geworden. Im Folgenden zur Zeit der Aufklärung bestand das Hauptziel aufklärerischer Erziehung darin, den Menschen von allen Fremdbestimmungen frei zu machen und ihm die Verantwortung für sein Handeln zu übertragen. Die religiöse Erziehung gelangte mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht inklusive des schulischen RU in den Kompetenzbereich des Staates. Die Kirche konnte ihren Einfluss weiterhin durch die Mitwirkung bei der Schulaufsicht wahren. Zum Katechismusunterricht trat das Fach "Biblische Geschichte“ hinzu.


Die Entdeckung der Mündigkeit des Menschen und der damit angesagten Emanzipation von allen äußeren Abhängigkeiten und Zwängen wurde von der kath. Kirche mit Besorgnis betrachtet, wiewohl Theologen wie z.B. Johann Michael Sailer (1751-1832) und H. Overbeck (1754-1826) die Anliegen der Aufklärung positiv aufgriffen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts verharrte die neuscholastische Theologie mit ihrem ungeschichtlichen Offenbarungsverständnis im Kontext einer antimodernistischen Kirche, die zunehmend in Opposition zur Gesamtgesellschaft trat, sich von ihr abschottete und den Gehorsam gegenüber Lehre und Autorität, betonte (Antimodernisteneid 1910).


Die Katecheten indessen stellten die didaktischen Mängel der bloß kognitiven textanalytischen Katechismusmethodik fest. Das auf Aristoteles fußende Menschenbild mit den drei Grundkräften wurde nun wieder beachtet sinnlich-imaginative Wahrnehmung, Erarbeitung und Durchdringung, Anwendung im praktischen Handeln aisthesis noesis orexis memoria intellectus voluntas. 


Insgesamt trat man auch gestützt auf die Vorbilder Amos Comenius (1592-1670), Johannes Heinrich Pestalozzi (1746-1877) „Kopf, Herz, Verstand“ und Georg Kerschensteiner (1854-1932) "Arbeitsschule" für ganzheitliches und handlungsorientiertes religiöse Lernen ein. Religiöse Lernprozesse wurden so möglich, die Rücksicht auf die psychischen Gegebenheiten der Adressaten nahmen.


Die Darbietung der zu behandelnden Aussagen erfolgte erzählend, der Lehrinhalt wurde durch weitere Erklärungen erarbeitet, dann folgte die Zusammenfassung, um das Ganze wirklich zu verstehen, schließlich die Anwendung des Gesagten für das Leben. Gruppenunterricht, Liedkatechese, Bildeinsätze und methodische Variationen setzten sich durch. 1935 1970 hatten schließlich Bibel, Liturgie sowie lebenspraktische Vollzüge großes Gewicht. Der doppelte Akzent auf dem Stoff („Material“) und auf der Verkündigung („Kerygma“) haben dieser Art der Unterweisung das Attribut „materialkerygmatisch“ eingetragen. Seinen Niederschlag fand es im „Katholischen Katechismus der Bistümer Deutschlands" (1955). Der RU wird als Katechese gesehen. Er sieht sich als ein "geistliches Geschehen", das den Bereich des bloß Unterrichtlichen um ein Wesentliches übersteigt, er will mit einer heiligen Wirklichkeit vertraut machen.


Der gläubige Schüler muss hören und sich bewusst für ein Leben im Glauben entscheiden. Der Lehrer ist Verkünder und Zeuge der Frohbotschaft. Der Religionsunterricht bedeutet Kirche in der Schule, der Religionslehrer ist zugleich der Vertreter seiner Gemeinde und wird damit in die priesterliche Funktion unmittelbar eingewiesen. Wenig Raum bleibt bei dieser Konzeption für die eigentlichen Interessen und Fragen der Schülerinnen und Schüler. In den 50er Jahren wurde in der ev. Kirche Kritik am Konzept der Unterweisung im oben genannten Sinn laut. Fraglich war zum einen die Begründung des RU allein von der Kirche her, zum anderen die Fixierung auf den Verkündigungsauftrag, der aufgrund der einsetzenden Pluralisierung permanent schwieriger wurde.


Der neue Ansatz lautete: Aufgabe der Schule ist es nicht zu verkündigen und zum Glauben zu führen, sondern Texte existentiell engagiert zu interpretieren und so zu einem Verstehen der christlichen Überlieferung im Horizont der eigenen Existenz hinzuführen. 


Das Profil des RU ist: 


Er muss die christliche Tradition mit ihrem Kristallisationspunkt in der Hl. Schrift auslegen. Prinzipiell biblischer Unterricht macht den Schüler zum Ausleger des biblischen Textes. Der Lehrer ist bei diesem „Hermeneutischen RU“ Bibeltheologe und Repräsentant der wissenschaftlichen Theologie. 


RU als Information


Gegen Ende der 60er Jahre erfasste die "Kulturrevolution" mit emanzipatorische Kirche und RU nicht halt. Stoßrichtung die Gesellschaft und machte auch vor RU wird in einem neuen Ansatz zur Religionskunde, zur Information über Religionen. Die vorurteilsfreie Kenntnis der religiösen Fakten sollte eine sachgerechte Erörterung der Welt unter religiösem Aspekt erlauben. Religiöse Phänomene sollten fortan kritisch beleuchtet werden. Die Religionskritik wurde ein zentrales Thema. Problemorientierter RU Dieses Konzept des RU, das von 1968-1975 in Blüte stand und bis heute weiterwirkt, fordert: Gegenstand des RU kann jetzt alles sein, was für Schülerinnen und Schüler ein Problem darstellt und wofür der christliche Glaube einen Horizont der Deutung bereitstellen kann. Die Schülerschaft mit ihren Fragen und Problemen bilden die Mitte dieses Unterrichts. Glaube wird nicht vorausgesetzt, jedoch die Bereitschaft, christliche Deutungsversuche und Probleme zu prüfen. Die Pädagogen verfügen über solide theologische und pädagogische Kompetenzen. Darüber hinaus sind sie mit Psychologie und Soziologie vertraut. Kommunikative Kompetenz und souveräne Beherrschung eines differenzierten Methodenrepertoires sind selbstverständlich. Die Konzeption fordert natürlich den professionell ausgebildeten und agierenden Religionspädagogen. Dass die Probleme der Schülerinnen und Schüler einen gleichberechtigten Rang neben den von der Tradition vorgegebenen Fragen haben, bedeutet einen Durchbruch.


RU unter dem Einfluss der Curriculumtheorie


Der Begriff Curriculum signalisiert den Anspruch einer wissenschaftlich fundierten Reform von Zielen und Inhalten organisierten Lernens. Gefragt sind nun die Identifizierung und Analyse von Lebenssituationen, für deren Bewältigung der RU einen Beitrag leisten kann. Die Bestimmung entsprechender Qualifikationen, die notwendig sind, um die Lebenssituationen meistern bzw. gestalten zu können.


Die Entwicklung qualifizierender Elemente, die als Ziele, Inhalte und Prozesse den RU prägen sollen. Ein lernzielorientierter RU ist auf kontrollierbares Endverhalten ausgerichtet. 


Der sozialisationsbegleitende oder therapeutische RU stellt eine Variante des problemorientierten RU dar. Die größte Wirksamkeit erreichte diese Konzeption in den Jahren von 1970 bis 1975. Die Kategorie Sozialisationsbegleitung zielt auf die Probleme des einzelnen Schülers. Inspiriert durch das in biblischen Texten. enthaltene emanzipatorische Potential sollen Schülerinnen und Schüler dazu befähigt werden, Ichstärke zu entwickeln. 


Der RU gibt somit Hilfe zur Selbstfindung, zur Solidarisierung, zu stellvertretendem Handeln, zu alternativem Denken, Schülerinnen und Schüler sind Mitte und Ziel des RU. Mit dem Synodenbeschluss „Der RU in der Schule“ von 1974 neigte sich die Zeit eines Wechsels von konkurrierenden religionsunterrichtlichen Konzeptionen dem Ende zu. Angesichts der zunehmenden Komplexität der religionsdidaktischen Problemplage sind an ihre Stelle religionsdidaktische Prinzipien getreten. Nicht mehr Konzeptionen mit ihrem Zug zur Universalisierung, sondern ein Spektrum unterschiedlicher Prinzipien erscheint heute als geeignete Orientierungshilfe. Prinzipien wirken tief in das Verständnis von schulischem Lernen hinein und beeinflussen. Ziel, Inhalts und Methodenentscheidungen. 


Thomas Kurz, StD a.D.